Die Unabhängigkeit von Reisejournalisten wird immer wieder mal angezweifelt. Klar, wir reisen meist auf Einladung der Reiseveranstalter. Da könnte man oberflächlich annehmen, dass automatisch Abhängigkeiten entstehen oder mindestens eine wohlwollende Berichterstattung erwartet wird. Nur: So einfach ist das beileibe nicht.
„Unabhängigkeit“ wir in der Diskussion häufig auf den wirtschaftlichen Aspekt reduziert. Dabei spielen viel mehr Faktoren eine Rolle, je nach Konstellation sogar die entscheidende. Einiges davon findet unbewusst oder im emotionalen Bereich statt, anderes einfach nur unreflektiert, weil es vermeintlich alle so machen.
Für mich persönlich gibt es aber eine Abhängigkeit, die alles andere in den Schatten stellt; eine Abhängigkeit, die für meine berufliche Existenz essenziell ist: Die Abhängigkeit vom Vertrauen meiner Leser. Enttäusche ich meine Leser, habe ich verloren.
In Grunde ist das schon das Fazit. Aber schauen wir uns die einzelnen Aspekte und Argumente in der Diskussion um „unabhängige Berichterstattung“ dennoch genauer an. Denn das zeigt, wie komplex das Thema ist und welche unerwarteten Aspekte es dabei gibt.
Themen in diesem Beitrag:
Von sich auf andere schließen
Als größte Herausforderung in der Diskussion um Unabhängigkeit empfinde ich, dass Kritiker häufig von sich selbst auf andere schließen. Weil sie selbst offen wären für Korruption („ich wäre doch blöd, wenn ich das nicht machen würde“), entstehen Vorurteile, die der Realität nicht gerecht werden. Solche Vorurteile zu entkräften ist äußerst schwierig, weil das nur durch Aufbau von Vertrauen gelingen würde, die Gegenseite in diesem Punkt aber nicht bereit ist, zu vertrauen – weil sie nicht glauben können, dass andere Menschen anders ticken könnten als sie selbst.
Über 30 Jahre habe ich sowohl als festangestellter Redakteur und Chefredakteur, als auch freiberuflich in Themenbereichen gearbeitet, die allgemein als korrumpierbar gelten: IT/Computer und Reise.
Vor allem als Chefredakteur hatte ich dabei so manchen Kampf mit meinen Redakteuren, ebenso wie mit der Verlagsgeschäftsführung auszufechten, wenn es um die Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit ging.
Ich fasse in diesem Beitrag meine Gedanken und Überzeugungen ebenso wie meine langjährige Erfahrung als Journalist zusammen.
PR-Profis treffen auf Journalismus-Profis
In diesem Spiel treffen ausgebildete Profis aufeinander – auf der PR-Seite wie bei den Journalisten. Niemand stolpert naiv und ahnungslos in dieses Konfliktfeld hinein. Der Umgang mit diesem Minenfeld ist ein wichtiger Teil der Ausbildung und des Alltags in diesen Berufen.
Eine der Aufgaben der PR ist es, das jeweilige Unternehmen oder Produkt möglichst positiv – oder überhaupt – öffentlich bekannter zu machen und im täglichen Kampf um Aufmerksamkeit bei den Konsumenten mehr Anteile zu erringen.
Eine der Aufgabe von Journalisten ist es, dem Publikum eine möglichst objektive Wahrheit zu vermitteln und dabei auch Beschönigungen, leere Versprechen oder Täuschungsversuche zu erkennen und potenziell ungeliebtes zu recherchieren.
Es ist ein Wechselspiel mit klar verteilten Rollen und einem zumeist klar ausgeprägten Bewusstsein dafür, und zwar auf beiden Seiten.
Als Journalist setzt man sich regelmäßig damit auseinander, den richtigen Weg zu finden. Wo zieht man bei versuchter Einflussnahme die Grenzen? Wie geht man mit verdeckten Manipulationsversuchen um? Wie geht man mit Situationen um, die Grenzen überschreiten, Regeln verletzen, oder sich einfach nur falsch anfühlen? Und hat man in einer konkreten Situation vielleicht einen Fehler gemacht? Denn auch Journalisten sind nur Menschen.
Gibt es „objektiv“ überhaupt?
Ein schwieriges Kapitel ist „Subjektivität vs. Objektivität“, auf mehreren Ebenen. Grundsätzlich muss man akzeptieren, dass es absolute Objektivität nicht gibt – außer vielleicht in der Mathematik: 1+1=2 ist nach gängigem Verständnis objektiv.
Als Journalist kann man sich nur bemühen, so objektiv wie möglich zu sein. Das hat mit innerer Einstellung und Berufsethos zu tun, viel aber auch mit Ausbildung und Erfahrung. Journalisten sind tendenziell im Vorteil, weil sie sich tagein, tagaus mit ihrem Beruf auseinandersetzen, wie ich es hier gerade tue.
Dinge objektiv oder zumindest als neutraler Beobachter zu betrachten, ist nicht einfach. Es erfordert viel Übung; Feedback von außen und Akzeptanz dieses Feedbacks; Offenheit für die Sichtweise anderer und die richtige Grundeinstellung dazu; die Bereitschaft, sich wirklich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen, dessen Meinung man vielleicht nicht ist, dessen Lebenssituation eine gänzlich andere ist als die eigene.
Und dann gibt es im Journalismus zwei grundsätzliche Strömungen – in der Praxis meist als Mischform mit Schwerpunkt in die ein oder andere Richtung:
Die einen (zu denen ich mich selbst zähle) plädieren für möglichst neutrale Berichterstattung, das Liefern von Informationen, Hintergründen und Zusammenhängen, damit sich der Leser ein fundiertes, eigenes Bild machen kann. Der Leser soll möglichst wenig beeinflusst werden.
Die anderen vertreten eher einen Haltungs-Journalismus, dessen Ziel es ist, den Leser von der eigenen Sicht- und Denkweise zu überzeugen. Salopp, und eher unfair, würde man das landläufig „tendenziös“ nennen. Oder „arrogant“, weil man dem Leser nicht zutraut, eine eigene Meinung zu entwickeln, beziehungsweise die Sorge hat, diese Meinung könnte anders ausfallen als gewünscht.
Aber auch Haltungs-Journalismus kann ziemlich objektiv sein – nämlich dann, wenn der Journalist souverän mit der eigenen Haltung umgeht und Sachverhalte dennoch offen und abwägend darstellt.
Übrigens auch ein wichtiger Punkt, der in fast allem Medien zunehmend verwischt: Journalisten dürfen und sollten eine eigene Meinung haben. Entscheidend ist jedoch, Fakten und Meinung für jeden Leser deutlich erkennbar voneinander zu trennen. Es muss zweifelsfrei klar sein, was recherchierte Tatsachen sind, und was eben Meinung, Interpretation oder (fundierte) Vermutung.
Objektivität: Momentaufnahme vs. Gesamtüberblick
Alles, was man sieht, ist eine Momentaufnahme. Trotzdem ist das Erlebte sowohl subjektiv als auch objektiv so, wie es eben ist. Geht man eine Ebene höher, wird man jedoch feststellen: An einem anderen Tag, womöglich nur Stunden später sieht es ganz anders aus. Auch diese Situation ist dann sowohl subjektiv als auch objektiv richtig, unterscheidet sich aber von der ersten.
Als Journalist versucht man idealerweise, einen Gesamteindruck zu bekommen: Nicht nur schildern, was man zufällig in einem Moment beobachtet hat, sondern das Erlebte zumindest einzuordnen oder noch weitere Male hinzusehen. Beschäftigt man sich mit einem Thema regelmäßig, sammelt man mehr Erfahrungen, die sich zu einem besseren Gesamtbild zusammenfügen. Fachjournalisten sind da im Vorteil, laufen andererseits aber Gefahr, einen Tunnelblick zu entwickeln.
Der gewonnene Gesamtüberblick kann jedenfalls durchaus widersprüchlich zu Einzelbeobachtungen sein.
Jemanden, der episodisch nur eine einzige Situation erlebt hat, wird dann das, was der Journalist schreibt, als falsch oder verzerrend empfinden. Denn er/sie hat es ja ganz anders erlebt. Das ist ein Problem, das sich eigentlich kaum auflösen lässt.
Positiv berichten oder nicht mehr eingeladen werden?
Ein Mythos hält sich hartnäckig, der meiner Überzeugung nach und mit über 40-jähriger Erfahrung im Journalismus eben nur ein Mythos ist: Negative Berichterstattung führe dazu, dass man künftig nicht mehr (zu Pressereisen) eingeladen wird. Auch hier spielen mehrere Aspekte eine Rolle:
- Hat ein Medium oder ein Journalist/Blogger einen gewissen Einfluss, kann sich ein Unternehmen kaum leisten, in diesem Medium oder in der Berichterstattung dieser Person künftig nicht mehr vorzukommen. Die unterstellte oder tatsächliche Abhängigkeit kann durchaus gegenseitig oder sogar umgekehrt sein.
- Die Aufnahme eines Journalisten oder Bloggers in eine „Schwarze Liste“ birgt ein enormes Shitstorms-Risiko. Kein klar denkender PR-Mitarbeiter eines Unternehmens würde diesen Image-Schaden ohne wirklich wichtigen Grund in Kauf nehmen.
- Unternehmen wissen in der Regel um die Schwächen ihrer Produkte. Sie werden also von sachlicher, negativer Berichterstattung nicht überrascht sein, sondern hatten nur gehofft, es unter der Decke halten zu können. Berufsrisiko in der PR. Die Verantwortlichen sind Profis genug, um damit nüchtern umzugehen. Seltene Ausnahmen bestätigen die Regel.
- Bei fairem Umgang mit Mängeln habe ich noch nahezu nie erlebt, dass ein Unternehmen jemanden deshalb von künftigen Einladungen ausgeschlossen hätte – weder bei mir noch bei Kollegen. Freilich kann man manchmal darüber streiten, was „fair“ genau bedeutet. Aber wenn es doch einmal vorkommt, spielen typischerweise andere Faktoren die entscheidende Rolle – siehe weiter unten im Absatz „Regelverstöße und persönliches Fehlverhalten“.
- Ja, es gibt seltene Ausnahmen. Es gibt Unternehmen, die das Konzept der unabhängigen Berichterstattung nicht verstanden haben. Die meinen, eine Drohkulisse aufbauen zu müssen oder unliebsame Journalisten/Blogger/Youtuber auf „Schwarze Listen“ setzen zu müssen. Aber meiner langen Erfahrung nach sind das seltene Ausnahmen, und meist hält das auch nicht lange an, weil die Unternehmen den Irrweg bald (und schmerzlich) erkennen. Als Journalist muss man das dann eben aushalten.
Regelverstöße und persönliches Fehlverhalten
Säuberlich trennen muss man davon allerdings Fälle, in denen es konkrete, von der Berichterstattung unabhängige Gründe gibt, warum ein Unternehmen bestimmte Personen nicht mehr einlädt.
Was beispielsweise tut ein Unternehmen, wenn ein Teilnehmer während einer Pressereise übergriffig wird? Mitreisende rassistisch beschimpft? Jemand sich nicht an Verhaltensregeln hält? Womöglich andere Teilnehmer der Reise in Gefahr bringt? Sich nicht in Gruppen einfügen kann und beispielsweise durch notorisches Zuspätkommen die ganze Reise auf den Kopf stellt?
Unternehmen können solche Gründe oft nicht öffentlich kommunizieren (beispielsweise zum Persönlichkeitsschutz der Betroffenen) und die Betroffenen wollen sich entweder nicht die Blöße geben, es zuzugeben, oder sie sehen ihr Fehlverhalten ohnehin nicht ein.
In solchen Situationen lenken Betroffene gerne mal vom eigentlichen Sachverhalt ab und beschuldigen das Unternehmen, sie wegen ihrer negativen Berichterstattung zu sperren. Gegen diesen Vorwurf kann sich ein Unternehmen kaum wehren, zumal die Öffentlichkeit ohnehin blind dem Betroffenen glaubt, wenn der- oder diejenige die „Pressefreiheit“- und „Zensur“-Karte spielt.
Abhängigkeit und Unabhängigkeit
Kommen wir zum Kernpunkt, beim Thema „Unabhängigkeit“. Schnell definiert, was ich darunter verstehe: Unabhängigkeit bedeutet, dass keine äußeren Faktoren, die in Zusammenhang mit der jeweiligen Berichterstattung stehen, tatsächlich Einfluss auf die Berichterstattung haben.
Als absolute Forderung ist „Unabhängigkeit“ natürlich eine Utopie, so wie auch absolute „Objektivität“. Das Ziel muss sein, Abhängigkeiten zu minimieren beziehungsweise auf einem Niveau zu halten, auf dem sie keine nennenswerten Auswirkungen auf die Berichterstattung haben.
Ich betone aber auch: „tatsächlichen Einfluss“, weil man Einflussnahme sehr leicht unterstellen kann, wo tatsächlich gar keine vorhanden ist, und der Betroffene sich gegen diese Unterstellung nicht wehren kann. Wie sollte man nachweisen, dass etwas vermeintlich Offensichtliches tatsächlich gar nicht stattgefunden hat?
Direkte, wirtschaftliche Abhängigkeit
Eine echte wirtschaftliche Abhängigkeit besteht, wenn Einnahmen direkt mit dem Wohlwollen des Objekts der Berichterstattung gekoppelt sind: Schreibt man „positiv“, bleiben die Einnahmen (oder andere Dinge, die einem wichtig sind) bestehen, schreibt man „negativ“, sind die Einnahmen weg.
Diese Art von Abhängigkeit muss man als Journalist prinzipiell und von Anfang an ausschließen. Aber nicht auf formalistischem Weg, wie es radikal oft gefordert wird, a la „Du darfst Dich nie einladen lassen“; sondern in Bezug auf die tatsächlichen Auswirkungen – also beispielsweise mit mithilfe von Ethik-Grundsätzen (etwa den Verhaltensregeln der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten und dem Deutschen Pressekodex) sowie – vor allem – strengen, persönlichen Grenzziehungen.
Es wäre schön, wenn direkte, wirtschaftliche Abhängigkeiten immer klar und sichtbar wären. Sind sie aber nicht, auch wenn das ebenso regelmäßig wie unfair unterstellt wird.
Wirtschaftliche Abhängigkeit kann allein schon von Person zu Person unterschiedlich aussehen. Fragen, die man dazu stellen sollte, sind beispielsweise:
- Ist jemand überhaupt korrumpierbar? Und falls ja, ab welchem Punkt? Braucht’s nur ein Glas Champagner zur Begrüßung, oder reicht selbst die Einladung zu einem Space-X-Weltraumflug nicht aus, um weich zu werden? Die große Gefahr dabei: Menschen neigen dazu, von sich auf andere zu schließt und deshalb leichtfertig zu unterstellt, „dass es gar nicht anders sein kann“ und deshalb der Beurteilte sich automatisch so verhalten würde, wie man es selbst in einer ähnlichen Situation tun würde.
- Wie groß ist die wirtschaftliche Abhängigkeit? Es kann individuell sehr unterschiedlich sein, wie sehr oder ob überhaupt der Einzelne von einer Einladung zu Reisen abhängig ist; wie finanziell unabhängig er/sie ist; wie viele Alternativen es gibt; und nicht zuletzt die grundsätzliche Einstellung zu diesem Thema.
- Besteht überhaupt ein direkter Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Aspekten und dem konkreten Thema? Also: Wird über Firma XY berichtet, die direkt bei diesem Medium in größerem Umfang Anzeigen schaltet? Oder – vor allem bei Online-Medien relevant – weiß der Autor gar nicht, welche Werbung ausgespielt wird, weil das von Algorithmen und automatischen Auktionssystemen noch dazu User-spezifisch personalisiert gesteuert wird?
Emotionale und unbewusste Abhängigkeiten und Einflüsse
Hobbyblogger – und das meine ich überhaupt nicht despektierlich – sind seltener auf Reisen als Profiblogger und Reisejournalisten. Sie setzen eher ihren privaten Urlaub in Texte oder Videos um. Das ist eine spannende Perspektive, gerade auch wegen der Subjektivität und den ganz persönlichen Erlebnissen und Emotionen.
Weil es sich um den eigenen Urlaub handelt, kann sich das aber auf zweierlei Weise auf die Berichterstattung auswirken – ich betone: „kann“, nicht „muss“:
- Man neigt dazu, sich den eigenen Urlaub schönzureden. Denn zuzugeben, dass die Investition in diese Reise ein Reinfall war, fällt eventuell schwer.
- Emotionale Faktoren können aber auch zu negativer Berichterstattung führen: Man ist auf der Urlaubsreise mit bestimmten Aspekten unzufrieden und verspürt den Drang, es dem Veranstalter mal so richtig die Meinung zu geigen, indem man „alles schonungslos offenlegt“. Dabei geht leicht der Blick fürs Relationen sowie aus Sicht der Unternehmens die Fairness verloren.
Als Journalist oder hauptberuflicher Blogger hat man in der Regel eine andere Perspektive. Und ja, das kann auch problematisch werden, wenn man die Perspektive des „normalen Reisenden“ verliert, in den man sich immer hineinversetzen sollte.
Für einen Reisejournalisten ist eine Reise auf Einladung wesentlich weniger bis überhaupt nicht emotional besetzt. Eine Reise ist wie für einen Büroangestellten der morgendliche Gang ins Büro. Es ist Routine.
Es fällt Außenstehenden schwer zu verstehen, dass für einen Reisejournalisten, der 80 oder auch mal 100 Tage im Jahr unterwegs ist, eine Reise nichts Besonderes mehr ist. Oft sogar eher lästig und anstrengend, verbunden mit ständigen Flugverspätungen, verschwundenen Koffern, Jetlag, engen Terminplänen während der Reise. Wie sich so eine Pressereise anfühlt, habe ich übrigens vor einigen Jahren schon einmal ausführlich in Tagebuchform dokumentiert: „Cooler Job: Das ganze Jahr lang kostenlos Urlaub machen“.
Man ist auf Reisen unterwegs, die man privat nie buchen würde, die aber für die Leser interessant sind – also ist man dabei, versetzt sich in die Lage des Lesers und versucht, aus dessen Perspektive zu erleben.
Ich will nicht jammern, ich habe mir diesen Beruf ausgesucht, weil es trotzdem für mich der schönste Beruf der Welt ist. Aber ich fiebere schon lange keiner Reise mehr zappelig entgegen, kann vor Vorfreude kaum schlafen. Die Schlaflosigkeit entsteht eher, weil der Abgabetermin für einen Beitrag über diese Reise viel zu knapp ist oder die Umsteigezeit bei einem Flug eigentlich zu knapp ist.
Allein die vielen aufeinanderfolgenden Reisen führen zu einer ziemlich neutralen und emotionslosen Grundhaltung. Schon deshalb gäbe es überhaupt keinen Anlass, unkritisch zu schreiben. Wenn ich wegen negativer Berichterstattung das nächste Mal nicht mehr eingeladen würde – so what? Dann halt nicht. Schade, aber kein großer Verlust. Es gibt genug andere Veranstalter, über die ich berichten kann.
Systematische Abhängigkeiten
Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass festangestellte Journalisten beispielsweise bei Tageszeitungen oder in Zeitschriften schon deshalb unabhängig seien, weil sie ein festes Gehalt haben und die Anzeigenabteilung völlig unabhängig von der Redaktion arbeitet.
Die Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung (blenden wir mal Vermischungen in redaktionellen Beilagen, bei Kongressen und Ähnlichem aus) vermeidet zwar direkte Abhängigkeiten. Aber der Redakteur ist von seinem Gehalt abhängig. Und das muss der Verlag erst einmal verdienen – was bei verärgerten Anzeigenkunden schwieriger ist als bei glücklichen. Die Abhängigkeit ist indirekt also zumindest denkbar, und hängt sehr davon ab, wie stark oder eben nicht die Geschäftsführung der Redaktion den Rücken freihält.
Ich habe in meinem mehr als 40 Jahren als Journalist, davon etwa die Hälfte als festangestellter Redakteur, beide Varianten erlebt (und in einem Fall meinen Job wegen mangelnder Unabhängigkeit gekündigt). Auch als freier Journalist habe ich schon Aufträge von Redaktionen angeboten bekommen, aus denen recht klar hervorging, dass der Beitrag vor allem eine Gefälligkeit für einen bestimmten Anzeigenkunden sein soll.
Meist geht es selbst in diesen Situationen aber nicht darum, nicht die „Wahrheit“ zu schreiben, sondern lediglich darum, dass der Anzeigenkunde eben auch im redaktionellen Teil vorkommt. Einen eher negativen Beitrag würde die Redaktion in diesem Zusammenhang dennoch nicht veröffentlichen. Ich habe auch schon gut bezahlte Aufträge abgelehnt, wenn erwartet worden wäre, dass ich Schönschreiberei betreibe.
Als Chefredakteur einer Computerzeitschrift habe ich mit Rückendeckung der Geschäftsführung teure Kämpfe mit Anzeigenkunden ausgefochten, die meinten, Einfluss auf die Redaktion nehmen zu können, indem sie mit Stornierung der Anzeigen drohten.
In einem Fall musste ich mich eine Vierteltunde lang vom CEO des wichtigsten Anzeigenkunden anbrüllen lassen, weil er fand, dass ich sein Produkt falsch dargestellt hätte – was nicht der Fall war; er hätte nur gerne seinen technisch nicht korrekten Marketingtext gelesen.
In einem anderen Fall hat ein Weltkonzern den Vertrag im Volumen von etwa einer Million Euro tatsächlich ausgesetzt, um Druck auf die Redaktion auszuüben. Wir sind mit Rückhalt der Geschäftsführung in beiden Fällen standhaft geblieben. Der CEO war nach seiner Brüllattacke einsichtig, der andere Anzeigenkunde kam nach drei Monaten wieder zurück, weil er es sich nicht leisten konnte, in einem der damals führenden Computermagazine nicht zu inserieren.
Abhängigkeit kann also durchaus auch in die andere Richtung wirken.
Solche Situationen muss man als Journalist aushalten und sich selbst mit robusten Ethik-Grundsätzen ausstatten.
Faktisch habe ich mich in meiner Journalisten-Karriere nie so unabhängig gefühlt, wie ich das derzeit als Selbständiger und freiberuflicher Journalist tue. Denn ich habe die absolute Entscheidungsgewalt, auf was ich mich einlasse, und auf was nicht.
Ja, solche Entscheidungen haben auch finanzielle Folgen. Aber es gibt keinen Chef, der mich automatisch zur finanziell vorteilhafteren Entscheidung zwingt. Da kommen wieder die eigenen, ethischen Grundsätze ins Spiel. Und das Vertrauen, das ich mir bei meinen Lesern erarbeiten habe und ständig neu verdienen muss.
Abhängig vom Vertrauen der Leser
Der bedeutendste Aspekt ist eine starke und unausweichliche Abhängigkeit, die ich als Journalist immer habe: Ich bin abhängig vom Vertrauen meiner Leser.
Warum das so entscheidend ist? Allen unterstellten oder vermuteten Abhängigkeiten zum Trotz können meine Leser täglich nachprüfen, was ich schreibe. Nehmen wir also nur mal hypothetisch an, ich würde mich korrumpieren lassen und „Schönschreiberei“ betreiben: Meine Leser sind doch nicht dumm!
Meine Leser würden das sofort merken. Spätestens bei ihrer nächsten Kreuzfahrt würden meine Leser mit eigenen Augen sehen, dass falsch war, was ich geschrieben habe.
Was wäre die Konsequenz? Meine Leser würden das Vertrauen verlieren, meine Beiträge nicht mehr ernst nehmen, mich nicht mehr lesen, ihre Informationen künftig von anderer Stelle beziehen.
Was deshalb zwingend auch dazugehört: Ehrlichkeit, Offenheit, Transparenz. Obwohl ich überzeugt davon bin, unabhängig zu sein, muss ich meinen Lesern selbstverständlich sagen, wenn eine Reise auf Einladung erfolgte. Selbstverständlich muss ich auf tatsächliche Abhängigkeiten hinweisen. Jede Verschleierung wäre nicht nur unlauter, sondern auch fatal.
Vertrauensverlust meiner Leser wäre für mich das Ende; vielleicht nicht sofort, aber ziemlich bald. Ohne Leser habe ich keinen Wert für die Reiseunternehmen. Denn das muss man ganz realistisch sehen: Niemand lädt mich zu Pressereisen ein, weil ich ein so netter Mensch bin. Natürlich versprechen sich die Unternehmen, dass durch meine Veröffentlichungen neue Kunden auf ihr Produkt aufmerksam werden. Habe ich keine Leser mehr, entfällt dieser Nutzen.
Diese Abhängigkeit vom Leser gibt es daher tatsächlich, und sie ist für mich essenziell: Ich darf meine Leser nicht täuschen, nicht enttäuschen, nicht ihr Vertrauen in meine Berichterstattung aufs Spiel setzen. Das, und nur das, ist wirklich essenziell für meine berufliche Zukunft. Das aufs Spiel zu setzen, ist für mich undenkbar.
Selbst wenn es also hie und da Abhängigkeiten geben sollte oder tatsächlich gibt: Die Abhängigkeit vom Vertrauen meiner Leser überwiegt alles, und zwar bei weitem.



Danke für deine wirklich sehr ausführlichen Gedanken über die Chancen und Herausforderungen in unserem Beruf. Akademisch könnte ich das alles sofort unterschreiben. Es gibt aber nicht die reine Lehre. Zum Glück. Sonst wären Berichte schnell sehr langweilig, wenn sie alle gleich aufgebaut wären. Information und Inspiration. Das ist das Feld, auf dem wir uns bewegen.
Trotzdem bleibe ich bei meiner These, die ich auch auf der VIR Tagung vertreten habe: die touristische „Gegenseite“ ist momentan auf einem gefährlichen Weg, die Balance zu verlassen. Es gibt eine zunehmende Dünnhäutigkeit, sobald ein grundweg positiver Tenor verlassen wird.
Das mag wirtschaftlichen Problemen geschuldet sein, einer mittlerweile medial grundsätzlicheren In-Frage-Stellung des alten touristischen Geschäftsmodells…, aber ist auch Zeichen einer zunehmenden Verrohung in der Gesellschaft in Bezug auf Journalisten. Fake Media, Feinde des Volkes, Lügenpresse…
Die Branche scheint zunehmend Kritik unfähiger. Und die Art und Weise, wie lakonisch und ohne Erklärung eine ominöse Abteilung des Carneval Konzerns journalistische Blogger für fünf Jahre abstraft, ist absolut unmöglich. Wenn wir das durchgehen lassen, dann werden wir zum Büttel einer Reise-PR. Das gilt es, auch als VDRJ in unseren internen Diskussionsrunden zu verhindern. Zum Glück sind in Deutschland die Verhältnisse noch nicht so extrem, wie derzeit im Anglo-Amerikanischen Raum…
Lieber Jürgen, nur schnell angemerkt, ansonsten absolute Zustimmung: Wie schon bei der Diskussion zu den beiden Youtubern angemerkt, wird zwar überwiegend (und wie ich finde, ein wenig leichtfertig) unterstellt, dass der Grund für diese Sperre die negative Berichterstattung der beiden sei – was natürlich absolut denkbar ist, und die beiden behaupten das auch, ohne aber weitere Belege dafür anzuführen (sie sind ja selbst ob der Begründung von Carnival eher ratlos). Ich habe aber sanfte Zweifel, auch aus meiner Erfahrung speziell in der Kreuzfahrt-Branche, und halte es zumindest für denkbar, dass der Grund möglicherweise woanders zu suchen ist; v.a., weil in der britischen Youtuber-Szene Leute unterwegs sind, die viel härter agieren als Dan & Jay, und die nicht auf Schwarze Listen landen. Aber das ist, glaube ich, eher ein Spezialfall, dessen Umstände wir besser unter dem anderen Beitrag diskutieren, zumal es halt wirklich nicht so richtig klar ist, was da wirklich gelaufen ist: https://cruisetricks.de/fuenf-jahre-kreuzfahrt-verbot-carnival-corp-setzt-britische-youtuber-auf-die-schwarze-liste/
Hallo Franz,
fully d‘accord! Danke für Deine ausführlichen Gedanken dazu …
VG,
Harald
Danke für die umfassende Darstellung über die Unabhängigkeiten des Reisejournalismus. Ich fand iIhre Sichtweise teilweise sehr interessant.
WIDERSPRUCH gibt es von mir bei dem Kapitel „von sich auf andere schließen“. Ihr Zitat „ Weil sie selbst offen wären für Korruption („ich wäre doch blöd, wenn ich das nicht machen würde“). Da halte ich dagegen, es gibt sehr viele Reiseblogger (mit Reichweiten teilweise im mittleren zweistelligen Mio. Bereich) die ihre Social Media Aktivitäten monetarisieren könnten, dies aber wegen ihrer Glaubwürdigkeit nicht machen. Die Qualität des Contents dieser Kanäle ist inzwischen absolut professionell. Die sind nun wirklich alles andere als korrumpierbar.
OBJEKTIVITÄT: Momentaufnahme vs Gesamtüberblick
„ Jemanden, der episodisch nur eine einzige Situation erlebt hat, wird dann das, was der Journalist schreibt, als falsch oder verzerrend empfinden.“ Wenn ich mehrere Wochen auf einem Schiff verbringen, erlebe ich soviel Episoden und kann mir daraus sehr gut einen umfassenden Gesamteindruck verschaffen, jedenfalls einen besseren Eindruck, wie auf einer kurzen „inszenierten Pressereise“. Warum urteile ich hier so hart. Ich durfte einige dieser Reisen aus Sicht des zahlenden Gastes amüsiert mit erleben.
@Heinz: Ein paar Anmerkungen dazu: Was ich gerade deutlich machen wollte ist, dass der finanzielle Aspekt oft überhaupt nicht der entscheidende ist und die Frage, ob man sich einladen lässt einen Youtube-Kanal oder eine Website monetarisiert oder nicht, aus meiner Sich kein Argument *per se* ist, ob Unabhängigkeit möglich bzw. gegeben ist oder nicht. Das kann so sein, muss aber auch nicht. Ich kenne natürlich auch Blogger persönlich, die die eine Monetarisierung radikal ablehnen. Diese Sichtweise respektiere ich, kann sie aber ehrlich gesagt nicht wirklich nachvollziehen, eben weil ich den keinen zwingenden Zusammenhang sehe.
Bitte auch nicht falsch verstehen: Ich wollte nicht unterstellen, dass alle Kritiker so denken, ganz sicher nicht. Aber mir begegnen eben dann doch immer wieder Menschen, die eben genau dieses „von sich auf andere schließen“-Muster an den Tag legen. Nur darauf bezieht sich dieser Absatz, und natürlich nicht au generell alle Kritiker.
Bzgl. „episodisches Erleben“: Ich denke, wochenlang auf einem Schiff verbringen ist die seltene Ausnahme. Auch privat buchende und zahlende Blogger werden ganz selten mal so lange auf einem Schiff bleiben. Meine Erfahrung ist eher, dass manche, ich betone *manche* Blogger (und durchaus auch Journalisten-Kollegen) einzelne, episodische Erlebnisse/Ereignisse eben verallgemeinern, weil sie sich in der konkreten Situation so geärgert haben, dass sie sich irgendwie Luft verschaffen wollen, was vielleicht sogar relativ unbewusst geschieht. Und das kann dann durchaus (und passiert, meiner Beobachtung nach immer wieder) zu Verallgemeinerungen von Einzelfällen/Ausnahmesituationen führen. Das war, was ich mit diesem Absatz meinte.
Und auch noch sicherheitshalber angemerkt: „Inszeniert“ würde ich Pressereisen jetzt nicht nennen. Es sind oft recht komprimierte Reisen, ja, mit einem dichten Programm, bei dem das „normale Reiseerlebnis“ einer Woche auf drei Tage komprimiert wird, was auch damit zusammenhängt, dass v.a. festangestellte Journalisten nicht die Zeit haben, eine ganze Woche oder noch länger mitzufahren, weil sie für solche Pressereisen nämlich meist sogar Urlaub nehmen müssen, um teilnehmen zu können. Aber „inszeniert“ ist da nichts. Und selbst wenn es so wäre: Wir sind ja auch nicht ganz blöd. Wir würden schon ganz gut merken, wenn uns etwas vorgespielt wird, was nicht der Realität entspricht. Nur, weil jemand versucht, etwas vorzumachen, ist das ja nicht gleichbedeutend damit, dass er damit auch Erfolg hat. Und natürlich auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel, wie immer und überall im Leben..
@Franz Neumeier
1.) Zwei Beispiele was ich mit „inszenierten Pressereisen“ meine:
Vor einigen Jahren haben wir eine Flusskreuzfahrt unternommen, an Bord waren sechs geladene Gäste (Infuencer und Journalisten). Die zufällig im Restaurant an einem Nachbartisch saßen. Normalerweise wurde das Essen in einer Art Rotation serviert, so das jeder einmal als erster bedient wurde. Die Gruppe allerdings wurde separat von zwei Servicekräften unabhängig vom regulären Serviemodus bedient. Die Gruppe hatte Zugriff auf die komplette Getränkekarte ( inkl. Getränke die in keinem Getränkepaket enthalten waren). Das gleiche galt für Lounge und Bar. Für die Gruppe wurden separate Landausflüge unabhängig von den anderen Reisenden organisiert.
2.)Letztes Jahr waren wir mit einem Flusskreuzfahrtschiff in Amsterdam, zu gleicher Zeit war in der Stadt eine große Tourismusmesse. Der Veranstalter kam auf die glorreiche Idee, diese Gelegenheit zu nutzen um rund 170 geladenen Gästen sein Produkt vorzustellen, wohlgemerkt bei einem Schiff das zu 85 % belegt war und sich auf einer regulären Kreuzfahrt befand. Hierzu wurde die Lounge für Kreuzfahrtgäste gesperrt und etwa 50% des Restaurants für die Messegäste reserviert. Das Programm der geladenen Gäste umfasste ein Champagnerempfang mit Häppchen, eine Schiffsführung, eine Produktvorstellung sowie eine Mahlzeit an Bord. Das Event dauerte von 11:30 h bis ca. 17:30 h. Aufgrund des schlechten Wetters hielten sich vielmehr Kreuzfahrtgäste an Bord auf, als geplant. Man versuchte diese im hinteren Teil des Restaurants zu sammeln. Es gab dann Konflikten zwischen den Reisenden und den Tagesgästen, weil letztere ja Footage für ihre Insta Stories benötigten und die Kreuzfahrer permanent im Bild standen.
Größer, wie in diesem Fall, kann die Diskrepanz zwischen realer und inszenierter Kundenorientierung nicht sein.
@Jürgen Drensek: Sie schreiben „und ohne Erklärung“.
Das stimmt nicht. Es gab von Carnival eine Erklärung.Und die muss für uns außenstehende reichen. Ich bin mir absolut sicher,das die beiden betroffenen relativ genau wissen,warum sie gesperrt wurden. Je nachdem was es ist,wollen sie das natürlich nicht öffentlich nennen und das ist auch absolut deren Recht.
Carnival muss diverse Rechtslagen( Persönlichkeitsrechte,etc.) beachten und kann deswegen wohl nicht mehr Details nennenDas finde ich auch absolut richtig und zeugt von einem professionellen Unternehmen.
@Heinz: Okay, ich habe mich tatsächlich mehr auf Hochseekreuzfahrten bezogen, am Fluss bin ich relativ selten unterwegs und im Hochseebereich tritt sowas eher nicht auf bzw. entsteht insbesondere der Konflikt mit den übrigen Passagieren nicht.
Solche Situationen sind aber auch ein Grund, warum ich am Fluss nur sehr ungerne auf Gruppen-Pressereisen unterwegs bin und das lieber individuell mache, weil man dann das „normale Bordleben“ besser nachempfinden kann. Was Sie beschreiben, würde ich zwar nicht als „inszeniert“ bezeichnen, weil die Teilnehmer natürlich trotzdem die Realität sehen können – und siehe oben im Text: Wir sind ja auch nicht blöd. Wir wissen ja, dass, um bei dem plakativen Beispiel zu bleiben, der Champagner nicht zum Normalprogramm gehört. Ich schaue immer auch zu den Nachbartischen der „normalen“ Passagiere, um zu sehen, wie gut oder weniger gut der Service dort funktioniert, unterhalte mich mit Passagieren, wenn es sich ergibt, wie sie Service, Essen, Qualität der Landausflüge empfinden, um mir ein Bild machen zu können, das unabhängig von allem anderen ist.
Separate Landausflüge: Ja, nicht unproblematisch, deshalb bin ich auch lieber individuell als in Gruppen unterwegs, aber oft unausweichlich – denn Journalisten (Influencer noch mehr) müssen fotografieren, Videos machen, Leute vor Ort länger befragen, etc., was den Ablauf eines Landausflugs für die normalen Gäste erheblich stören würde. Oft – und das gilt auch für Hochsee – sind die separaten Landausflüge auch so organisiert, dass man in relativ kurzer Zeit, mit wenig Pausen und mit viel Termindruck, möglichst viele Sehenswürdigkeiten eines Hafens abklappert. Da geht es dann weniger darum, die Qualität Landausflüge der Reederei beurteilen zu können (die ohnehin von Agenturen vor Ort organisiert sind und sich bei allen Reedereien sehr ähneln, wenn man vom Luxus-Segment absieht; oft v.a. auch von der zufälligen Qualität des jeweiligen Guides abhängen), sondern darum sich selbst und später für die Leser einen möglichst guten Überblick zu bekommen, was man in diesem Hafen alles unternehmen kann. Man macht also quasi drei Landausflüge in einem, nur im Eildurchgang.
Aber auch hier stolpere ich ja nicht blind in diese Situation hinein, sondern weiß um die Problematik bzw. den speziellen Zweck des Ausflugs und kümmere mich darum, dennoch einen „realen“ Eindruck zu gewinnen, nicht zuletzt auch über Gespräche mit anderen Passagieren.
Also: Trauen Sie uns Journalisten ruhig auch ein wenig Hirn und Wahrnehmungsfähigkeit zu ;-) Wir können durchaus professionell damit umgehen, sind uns der besonderen Situation bewusst und lassen uns da nicht „einlullen“ oder etwas vorgaukeln, wenn es das ist, worauf Sie hinauswollen. Denn zu Manipulation gehören immer zwei: einer, der es versucht, und einer, der es mit sich geschehen lässt.
Beide Beispiele, die Sie nennen, v.a. Nr. 2, sind dann auch vom Veranstalter bzw. der Reederei äußerst ungeschickt. Als Journalist muss man damit dann auch entsprechend umgehen, solche Situationen am besten komplett vermeiden oder zumindest nach einmaliger Erfahrung sich künftig darauf nicht mehr einlassen. So etwas bringt mir ja für meine Berichterstattung auch nichts – denn was soll ich denn sinnvolles schreiben, wenn ich feststelle, dass ich die reale Welt gar nicht sehen kann?
Wie gesagt: Wir sind ja auch nicht ganz blöd und haben viele Jahre Erfahrung mit so etwas, und um Umgang damit.
Wichtig ist vielleicht noch der Hinweis, dass man genau zwischen Journalisten/Bloggern und Influencern unterscheiden sollte, auch wenn von außen gesehen oft nicht so genau zu unterscheiden ist, mit welcher Art von Gruppe man es zu tun hat. Influencer arbeiten nicht journalistisch, da geht es nicht darum, zu recherchieren und kritisch zu berichten. Influencer im engeren Sinne werden vom Veranstalter dafür bezahlt, dass sie auf ihren Kanälen „authentisch“ Werbung für das Unternehmen machen. Und da ist „Inszenierung“ ganz normal und auch nicht verwerflich – es ist einfach ein komplett anderes Business (ganz ohne Wertung, es it einfach was anderes) und hat mit unabhängiger Berichterstattung und Journalismus nichts zu tun.
Nachdem ich selbst immer versuche, in meinen Reiseberichten (die völlig nicht monetarisiert sind und auch nie werden) eine faire Gesamthaltung einzunehmen und Dinge, die mich stören im Gesamtkontext zu sehen und auch deutlich zu machen, daß manches ein „Me-Problem“ ist und nicht ein generelles Problem. Mein Geschmack muß nicht der Geschmack aller sein und andere Gäste haben andere Vorlieben. Dafür gibt es auch unterschiedliche Produkte. Ich eß ja auch nicht alles, was anderes Menschen schmeckt. Deswegen ist das Essen nicht schlecht.
Man darf mit Sicherheit „unterstellen“, daß der Betreiber einer höchst renommierten Kreuzfahrtenseite wie Cruisetricks zumindest eine positive Grundhaltung zur Urlaubsform hat (es wäre sehr traurig wenn nicht). Und mit der Erfahrung über die Jahre stellt sich heraus (und darf es auch) welches der vielen Schiffe den persönlichen Vorlieben am besten entspricht. Warum sollte der Journalist dies nicht auch vermerken im Text? Urlaub ist ein emotionales Produkt – und niemand verurteilt einen Journalisten, der schreiben würde „mein persönliches Lieblingsland ist abc“ – sowas wird ja dann sogar gerne als „Insider-Tips unserer Kollegen“ redaktionell veröffentlicht.
Ich denke, es ist absolut möglich – auch wenn man auf Pressereisen eingeladen wird – fair und wertneutral zu berichten. Ich wurde in meiner Zeit im Reisebüro auch auf Infotouren eingeladen – und habe im Nachgang durchaus Kritik geübt – wir mußten auch ein Dokument für die Kollegen anfertigen, wo beispielsweise jedes Hotel mit Pro und Kontra beschrieben wurde – damit die Reise dann auch einen „Wert fürs Unternehmen“ hatte – wir waren ja nicht auf Vergnügungstour. Und wer auch immer glaubt, solche Reisen seien eine Abfolge von High Life und Konfetti, dem würde ich wünschen, Gelegenheit zu so einer Reise zu haben. Meiner Erfahrung nach besichtigt man zwar auch Sehenswürdigkeiten – addiert aber zu einem normalen – schon sehr komprimierten und voll gepackten Programm – noch eine oft zweistellige Anzahl Hotelbesuche an einem Tag. Bei denen dann Zimmer, Pool, Gemeinschaftsräume besichtigt werden. Wenn man Glück hat, bekommt man ein Getränk angeboten…. Jetzt stelle man sich das im August in Ägypten vor (ja – Infotouren finden bevorzugt in auslastungsschwachen Zeiten statt – die aus Gründen auslastungsschwach sind).
Private Videoblogger (die waren mal privat – jetzt ist es ein Business) generieren mit dramatischen reißerischen Überschriften mehr Clicks – also wird das so gemacht – denn Clicks gernieren Einkommen. Das muß man halt im Hinterkopf behalten. Sachliche Recherche sieht dann anders aus.